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Dezember 2010
22.12.2010 10-12-33 Sprache
     
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Fachwörter und Fremdwörter haben ihre Berechtigung, wenn sie eine genaue Aussage treffen.
 

... Trio (ist) eine Sprache, die in Surinam und in Brasilien gesprochen wird. Das Besondere an Trio ist, dass die Grammatik die Sprecher zwingt, den Wahrheitsgehalt einer Äußerung kenntlich zu machen. ...

In Surinam ... ist die Amtssprache Niederländisch. ... So kam es ... einmal dazu, dass ein Staatsbeamter ... sagte: "Ich habe gesagt, dass wir eine Schule bauen werden, aber jetzt hat sich erwiesen, dass wir dafür kein Geld haben." Der Dolmetscher vergaß, beim Verb "gesagt" die so genannte Frustrativ-Endung anzuhängen. Diese Endung ... gibt darüber Auskunft, ob der Sprecher nach bestem Wissen etwas sagt oder nur vom Hörensagen etwas kennt oder schon weiß, dass die Äußerung nicht wahr ist. Durch das Versäumnis ... entstand ... der Eindruck, als habe der Beamte schon während des Versprechens gewusst, dass keine Schule gebaut würde.

... Im Trio muss man ... in der Verbform angeben, ob man (etwas z.B.) selbst gesehen hat oder ob man es vom Hörensagen oder durch indirekte Beweise weiß. In den meisten Standardsprachen ist diese Präzision nur mit langen Nebensätzen möglich und wird eigentlich auch nur in der Fachsprache von Juristen angestrebt. Dass das Trio solche Unterscheidungen macht, ist umso erstaunlicher, als die (noch etwa 2.200) Sprecher dieser Sprache Landbewohner sind, die von der Jagd und dem Ackerbau leben. ..
. (1)
 

Florian Rötzer berichtet von den Bemühungen Chinas um die Reinhaltung der chinesischen Sprache (2). Dabei geht es besonders darum, die willkürliche Verwendung englischer Worte und Akronyme in Publikationen aller Art zu unterbinden. Hierzu sollen Übersetzungen ... den grundlegenden Übersetzungsregeln gehorchen, Eigennamen sowie wissenschaftliche und technische Begriffe sollten ins Chinesische übersetzt werden.

Rötzer hat recht damit, wenn er darauf verweist, dass Sprachen sich schon immer gewandelt haben, Einflüssen anderer Kulturen, neuen Lebensumständen und Moden ausgesetzt waren. Starre Regeln für Grammatik und Rechtschreibung entstanden erst in den Nationalstaaten und sind in Deutschland mit großen Namen wie Duden (3) und Grimm (4) verbunden.

Sprachregeln sind Übereinkünfte - oder sollten es jedenfalls sein, um das Verständnis und die Verständigung zu erleichtern. Das gilt besonders für die Schriftsprache, die keine Interaktion, keine Nachfragen des Empfängers und keine Wiederholung in anderen Worten kennt. Verständnis wird aber nicht durch bemühtes Einsprachen oder durch gedrechselte Grammatiken erreicht. Das eine führt zu lächerlichen Wortungeheuern wie die "geflügelte Jahresendzeitfigur" aus DDR-Tagen und das andere zu Schülerqualen (5).

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Fachwörtern und Fremdwörtern. Beide haben ihre Berechtigung dann, wenn sie für einen präzisen Inhalt stehen, der in der eigenen oder in der Umgangssprache nicht zum Ausdruck kommt oder erst durch weitere Erklärungen herausgearbeitet werden kann. Das gilt besonders für die Fachwörter, die jedenfalls in einem fachbezogenen Zusammenhang verwendet werden müssen, um Missverständnisse zu vermeiden.
  

Das ist kein Freibrief für immer neue Wortschöpfungen, die ihren präzisen und beschreibenden Inhalt vermissen lassen. Besonders hervor tun sich damit die IT-Avantgardisten und Management-Berater, die frei von jeder Systematik und jedem Sinnzusammenhang für jeden Furz einen neuen englischsprachigen Begriff einführen. Das ist keine Fachsprache, sondern Unsinn. Darüber hat sich unlängst auch Igor Muttik ausgelassen (6).

Wenn es um die Informationstechnik oder das Internet geht, dann ist die englische die führende Sprache. Die dabei gebildeten Fachwörter dürfen Geltung in jeder Sprache verlangen und müssen in einer fachlichen Auseinandersetzung genannt und richtig verwendet werden. Keinem Leser ist mit zutreffenden und guten Erklärungen in der eigenen Sprache gedient, wenn ihm nicht zugleich die Fachwörter genannt werden. Nur sie erkennt er in anderen Texten und Gesprächen wieder und kann dann auch etwas mit den gelesenen Erklärungen anfangen.

Fachwörter zeichnen sich durch eine fachliche Logik, Systematik und Tradition aus. Die beiden letzten Kriterien fehlen den wilden Fachwortbildnern in aller Regel.

Noch schlimmer sind die wilden Fremdwortverwender, die einfache sprachliche Aussagen durch Fremdwörter ersetzen. Das schlimmste, was ich insoweit erlebt habe, war ein Vortrag des inzwischen emeritierten Professors Wiethoelter: Eine Aneinanderreihung von Fremdwörtern, deren Sinn als einzelnes Wort ich verstand, aber ihren Zusammenhang nicht mehr.

Man sollte meinen, wer spricht, will sich verständlich machen. Dazu gehört auch der bewusste und sparsame Umgang mit fremden Wörtern. So verstanden habe ich Verständnis für den chinesischen Vorstoß.

15.01.2011: Eine nette Sammlung verkorkster Anglizismen gibt es hier: Christian Töpfer, Schlimm: Das Business-Denglisch der Chefs, tecchannel 15.01.2011
 

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(1) Das Zitat stammt von wissenschaft-aktuell.de und wurde dort am 26.04.2002 gemeldet. In der heutigen Datenbank ist es nicht enthalten. Ich fand es im EDV-Workshop, der bis 2004 dem Cyberfahnder voraus ging und 2006 von mir gelöscht wurde.

(2) Florian Rötzer, China will sich sprachlich vor allem vom englischsprachigen Ausland abschotten/a>, Telepolis 22.12.2010

(3) Konrad Duden

(4) Brüder Grimm

(5) zum Beispiel: Unregelmäßige Verben im Neugriechischen

(6) Zero-Day-Exploits und die heile Hackerwelt; Igor Muttik, Zero-Day Malware, McAfee 19.1.2010
 


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© Dieter Kochheim, 25.01.2011