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September 2010
05.09.2010 10-09-09 Farsite
     
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Vilnius 2004

 
Ich lebe in einer größeren Stadt in der norddeutschen Tiefebene, wie Hal Faber sagen würde. Sie war in meiner Kindheit bekannt für ihre "grüne Welle". Wer im Durchgangsverkehr die angezeigte Geschwindigkeit einhielt, flutschte durch die Stadt zu ihrem anderen Ende.

Das hat sich schon vor Jahrzehnten geändert. Diese Stadt - ihre Region ist etwa so groß wie das Saarland - verfolgt seither eine geheimnisvolle Verkehrspolitik. Auf knapp 7 Kilometer Strecke zu meiner Arbeitsstelle befinden sich jetzt 19 Ampeln und 5 Blitzkästen. Die Vorgabe scheint zu sein: Zwei Drittel aller Lichtzeichenanlagen - Ampeln - müssen für den Durchgangsverkehr auf "rot" geschaltet sein. Diese Vorgabe wird gelegentlich auch übererfüllt: Drei Viertel der Lichtzeichenanlagen auf Rotphase sind nicht häufig, kommen aber vor.

Das Ausbremsen des Durchgangsverkehrs fördert schädliche Abgase. Ganz konsequent hat deshalb diese - meine - Stadt auch als eine der ersten die Umweltzone eingeführt. Damit sperrt sie ganz schlimme Dreckschleudern des privaten Straßenverkehrs aus. Ob sie damit auch die Leerlauf-Immissionen wirklich kompensiert, ist die Frage.

Meine Stadt ist experimentierfreudig. Das Experiment heißt seit knapp 20 Jahren "Vorrangschaltung". Sie gibt freie Fahrt für die Straßenbahn und verhindert ganz häufig, dass mehr als 3 Autos in das Heimatquartier hineinfahren können.
 

 
Den Nutzern des Öffentlichen Personennahverkehr ergeht es nicht besser. Sie sehen am Horizont eine Straßenbahn kommen. Weil aber die Haltestelle nicht in das Quartier, sondern gleich daneben gesetzt wurde, dürfen sie warten, lange warten, bis sie Zugang zur Haltestelle bekommen. Nicht selten können sie erst die übernächste Straßenbahn besteigen - wenn der Fahrkartenautomat funktioniert.

Die Behinderung des privaten Verkehrs optimiert meine Heimatstadt in Bezug auf Radfahrer. Glassplitter auf Radwegen bleiben - bevorzugt nach Großveranstaltungen - möglichst lange liegen und es gibt eine Ampelanlage in der Nähe des Landtages, deren ordnungsgemäße Überquerung Radfahrern mindestens 4 Minuten kostet.

Das Langzeitexperiment "Vorrangschaltung" fußt auf der Methode der Rundum-Rot-Schaltung. Sie lässt sich ausbauen und wird längst erprobt.

Eine Optimierung der Verkehrsbehinderung ließe sich dadurch erreichen, dass jeder Phasenwechsel an einer Ampel von einer halbminütigen Rundum-Rot-Phase begleitet wird. Um nach rechts abzubiegen wird man dann als Autofahrer mindestens drei Minuten ausgebremst.

Das schafft die Gelegenheit, dass im Rahmen einer Image-Kampagne zunächst städtische Mitarbeiter kostenlos Kalt- und Warmgetränke an die Wartenden verteilen können. Im nächsten Schritt wird dieser Service kostenpflichtig an eine Fastfoot-Kette vergeben.
 

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© Dieter Kochheim, 17.09.2010