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Juni 2010
27.06.2010 SF-Literatur
     
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Mathew Sobol ist ein begnadeter Programmierer von Online-Spielen gewesen und hat mit seinem Unternehmen ein Vermögen verdient. Er ist an Krebs gestorben und lebt in seinem Vermächtnis weiter. Zynisch, brutal, rücksichtslos und konsequent sind seine Dämonen, künstlich intelligente Programme, die er an allen möglichen Stellen des Internets hinterlassen hat. Sie agieren nicht nur im Netz, sondern vor allem in der realen Welt. Sie steuern wild geworden erscheinende Autos, rekrutieren Leute, steuern sie bei tödlichen Aktionen, töten sie und holen sie aus dem Knast.

Die Grundgedanken, die dem Roman von Daniel Suarez zugrunde liegen, sind keine Spinnerei (1). Daemons sind automatische Routinen, die in Computern schlummern und bei bestimmten Anforderungen Drucker und andere Dienste vermitteln oder aktive Prozesse ausführen. Moderne Online-Spiele verfügen zudem über eine gewisse "künstliche Intelligenz" (KI), die zwar noch weit hinter menschlicher Intelligenz zurücksteht, jedoch in begrenzten situativen Rahmen schneller, konsequenter und gradliniger reagieren als die menschliche Wollmilchsau arbeiten kann.

Suarez hat aus diesen Elementen einen düsteren und rasanten Plot abgeleitet. Die digitale Schattenmacht des Mathew Sobol beherrscht lebende Menschen, die der Autor gut im Griff hat.

Der zweite Teil soll leider erst 2011 erscheinen.
 

 
Esebian ist ein Killer. Er lebt weit in der Zukunft. Seine früheren Auftragsmorde hat er durch implantierte Persönlichkeiten ausführen lassen, die weiterhin in ihm schlummern. Dadurch hat er sich die "Meriten für den Aufstieg" verdient, also zu einem unendlichen Leben in zügelloser Freiheit.

Die ausstehenden Verdienste hat er durch wissenschaftliche Arbeit erreichen wollen. Ein mächtiger Auftraggeber verhindert das und zwingt ihn dazu, einen weiteren Mordauftrag anzunehmen.

Andreas Brandhorst ist zu einem Klassiker der deutschen SF-Szene geworden, hat lange Zeit an der Perry Rhodan-Serie mitgeschrieben und liefert seit einigen Jahren gute literarische Qualitäten ab. Dabei neigt er zur Fantasy, schafft es aber, den phantastischen Elementen Erklärungen und Fesseln anzulegen, die noch in erklärbaren naturwissenschaftlichen Grundlagen wurzeln.

Den Titel, die "Kinder der Ewigkeit" (2), finde ich etwas blass. Die Handlungen in dem Buch sind jedoch zügig und spannend. Seine Stärken sind die heimlichen Bezüge zur Informationstechnik, zu Sandboxes, zum Routing und schließlich beim sicheren, nicht aneckendem Navigieren durch die modernen Gedankengebäude der Naturwissenschaften.

Herausgekommen ist ein lesbares Buch, das keinen euphorischen Lob verdient. Leider: Wie so häufig bei Brandhorst!
 

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Manfred Macx ist deshalb ein Gutmensch, weil er seine genialen Geschäftsideen patentrechtlich sichert, als Open Source zur freien Verfügung stellt und andere damit Geld verdienen lässt. Er lebt gut von den Gefälligkeiten und dem Ruf, den er damit erlangt.

Das ist die Idee, die bei Charles Stross am Anfang steht (3). Daraus entsteht ein Entwicklungsroman, der mehrere Jahrhunderte umfasst. Dabei erlebt der Leser die Umformung des Sonnensystems zu einer zwiebelförmigen Dyson-Sphäre, das Abheben künstlicher Intelligenzen zu metaphysischen Existenzen und die gestaltenden Einflüsse einer digital aufgerüsteten Katze.

Nicht selten bewegt sich Stross in versponnenden Umgebungen und absonderlichen Umständen, behält dabei jedoch den einen oder anderen Fuß in der realen Erfahrungswelt, die uns geläufig ist. Aus den jedenfalls als Hypothesen gesicherten Überlegungen zu Wurmlöchern, zur relativistischen Raumfahrt und zur Künstlichen Intelligenz entwickelt Stross Handlungsumgebungen mit leidlicher Bodenhaftung und Nachvollziehbarkeit.

Als Urlaubslektüre empfohlen.
 

 
Eli ist Raumfahrer, Kommandant und Leitender wissenschaftlicher Offizier bei verschiedenen Raumfahrtprojekten, die bis in das galaktische Zentrum führen. Er ist Russe und verkörpert zugleich die tiefsinnige russische Seele, wie wir sie aus den Romanen der Gebrüder Strugatzki kennen und teilweise aus den Werken von Stanislaw Lem.

Der 991-Seiten-Roman (4) entstand in den Fünfziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts und soll ein Klassiker der phantastischen Literatur in Russland sein. Dieses Wissen hilft darüber hinweg, dass Snegows Vorstellungen vom Raum, von der Schwerkraft, der Zeit und besonders vom Zentrum der Milchstraße etwas absonderlich wirken. Umgekehrt gedacht: Visionär, aber falsch.

Seine Protagonisten leben hingegen die klassischen russischen Selbst- und Weltzweifel aus.

Es ist ein wichtiger, aber kein bahnbrechender Roman. Genau deshalb empfehle ich ihn zur Lektüre.
 

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(1) Daniel Suarez, Daemon. Die Welt ist nur ein Spiel, rororo 2010
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(2) Andreas Brandhorst, Kinder der Ewigkeit, Heyne 2010
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(3) Charles Stross, Accelerando, Heyne 2006
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(4) Sergej Snegow, Menschen wie Götter, Heyne 2010
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© Dieter Kochheim, 18.07.2010