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April 2009
21.04.2009 Seitensperren
     
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Wolfgang Stieler äußert in eine Erleuchtung: Die Befürworter der Sperrung von Webseiten beharren auf ihren Standpunkt nur deshalb, weil sie der (falschen) Meinung unterlägen, dass schlechte, schlimme Gedanken offenbar ansteckend sind. Schon der erste Kontakt mit solchem Gedankengut infiziert bislang unschuldige, die damit zu gefährlichen radikalen, perversen – oder gar beides auf einmal – werden. (1)

Der zu einfache Zugang zu potenziell gefährlichen "Kochrezepten" (2), Halbfertigprodukten (3) und ideologischen Verirrungen (4) ist tatsächlich der Grund für eine Vielzahl von Verboten, Umgangsbehinderungen und Strafen.

Das ist jedoch nur ein Teil der Argumente, die für die Sperren gegen kinderpornographische Seiten sprechen. Ihre Gefährlichkeit liegt tiefer:

Für eine Bombenbauanleitung muss der Verfasser nicht bereits eine Bombe gebaut oder gar zur Explosion gebracht haben. Für ein kinderpornographisches Bild muss aber als zwingende Voraussetzung ein Kind missbraucht worden sein. Diese Voraussetzung ist so ekelhaft und schlimm, dass der Gesetzgeber eine Randunschärfe im Regelungswerk akzeptiert und Grafiken ohne menschliche Modellvorlage sowie fast schon reife junge Frauen in den Schutzbereich mit aufnimmt - entsprechend den Vorgaben der EU.
 

 
Diese Ausbreitung des Schutzbereiches ist den Grundsätzen geschuldet, die in anderen Zusammenhängen als "Mitnahmeeffekte" oder "wehret den Anfängen" bezeichnet werden. Ich leugne nicht, dass qualitative Welten zwischen einer nackt posenden, aber erwachsenen Lolita und einem Baby bestehen, das penetriert wird. Wo aber beginnt die Verrohung, Gleichgültigkeit und der Gewöhnungseffekt, der im Schlimmsten mündet? Auch das Abbild der kindlich wirkenden und aufreizend abgebildeten Lolita kann und soll Phantasien anreizen, deren Billigung Schranken aufweicht und jedenfalls Gewohnheiten normalisiert. Irgendwann gibt es kein klares Nein! mehr, sondern nur noch ein seichtes Was soll's!

Stieler ist jedenfalls auf einem Irrweg. Es geht nicht um das infektiöse Böse, sondern darum, Kindern eine unbelastete Entwicklung zu Erwachsenen zu ermöglichen, in der sie selbstbestimmte Sexualität erleben können - ohne vorher psychisch verkrüppelt und traumatisiert worden zu sein.

Ich gebe ihm zu, dass diese besondere Verbrechensform nicht verallgemeinert werden darf. Bei der Meinungs- und Informationsfreiheit muss man auch Fehler in Kauf nehmen, wenn sie lässlich oder eben nur lästig bleiben. Schweren Verkrüppelungen darf jedoch kein Vorschub geleistet werden!
 

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(1) Wolfgang Stieler, Böse Gedanken, Technology Review 20.04.2009

(2) zum Beispiel zu Bombenbauanleitungen

(3) Kaufangebote

(4) Volksverhetzung
 

 

 

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© Dieter Kochheim, 29.07.2009